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Mikrocomputertechnik
Prof. Jürgen Plate |
1 Einführung
1.1 Von-Neumann-Architektur
Im Jahre 1944 legte John von Neumann, ein ehemaliges Mitglied des ENIAC-Projektes,
ein Architektur-Konzept für einen speicherprogrammierten Universalrechner vor.
Sein erster Entwurf ist heute als "von-Neumann-Maschine" oder "von-Neumann-Architektur"
bekannt - ein weitsichtiges und visionäres Konzept, das auch noch aktuellen
Computern zugrunde liegt. Eine Von-Neumann-Maschine weist folgende wichtige Merkmale
auf:
- zentrale Recheneinheit (CPU = Central Processing Unit) mit
- ALU (Arithmetical Logical Unit) zur Bearbeitung der Daten
- Steuereinheit (Ablaufsteuerung) zur Bearbeitung der Befehle
- Speicher
- Ein- und Ausgabe-Einheit
- internen Datenwegen(Busse)
Die Struktur des Rechners ist unabhängig von dem zu bearbeitenden Problem (
Universalrechner). Die verschiedenen Aufgaben werden durch entsprechende Programme gelöst.
Programme und von diesen benötigte Daten werden in einem gemeinsamen Speicher abgelegt.
Die Speicherplätze sind gleichlang und werden über Adressen einzeln angesprochen.
Die bedeutendste Neuerung war von Neumanns Idee, Programm und Daten zuerst in den Speicher
zu laden und dann auszuführen. Bis dahin war das Programm noch hardwaremäßig
verschaltet oder wurde über Lochstreifen schrittweise eingelesen und sofort (streng
sequentiell) bearbeitet. Nun war es möglich:
- Sprünge aufgrund logischer Entscheidungen auszuführen
- Programmcode während des Programmablaufes zu modifizieren
Von Neumann erreichte mit seinem Konzept, dass der Rechner selbstständig logische
Entscheidungen treffen kann. Damit ist der Übergang vom starren Programmablauf zur
flexiblen Programmsteuerung vollzogen.
Die von Neumann Architektur hat aber auch einige Nachteile:
- Im Speicher kann man Befehle und Daten nicht unterscheiden.
- Im Speicher kann man variable und konstante Daten nicht unterscheiden.
Bei falscher Adressierung können Speicherinhalte verändert werden, die
nicht geändert werden dürfen, wie z. B. Befehle und Konstanten.
Da Daten und Befehle im Speicher gehalten werden, wird die Verbindung und Datenübertragung
zwischen CPU und Speicher bzw. zur Ein-/Ausgabe über den Systembus zum sogenannten
Von-Neumann-Flaschenhals. Jeglicher Datenverkehr von und zur CPU wird über den internen Bus
abgewickelt, dessen Transfergeschwindigkeit langsamer ist, als die Verarbeitungsgeschwindigkeit der CPU.
Dieses Problem versucht man in modernen PC's durch die Verwendung von schnellem Cache-Speicher,
der meist in der CPU integriert ist, abzuschwächen.
Komponenten der von-Neumann-Rechnerarchitektur
Die CPU besteht aus Recheneinheit (ALU) und Steuereinheit.
Die ALU hat eine feste Wortbreite, z. B. 8, 16, 32 oder 64 Bit, ihre Aufgabe besteht
in der Bearbeitung der Daten, besonders dem Ausführen von arithmetischen und
logischen Operationen.
Zur wichtigsten Aufgabe der Steuereinheit gehört die Koordination der
zeitlichen Abläufe im Rechner. Dazu muss die Steuereinheit die Befehle
aus dem Speicher holen, entschlüsseln und deren Ausführung steuern. Die
Steuereinheit besteht aus Befehlsregister, Befehlsdecoder,
Speicheradressregister und Befehlszähler (Program Counter). Das folgende Bild
zeigt den prinzipiellen Ablauf bei Bearbeiten eines Befehls.
- Im Befehlsregister (IR, Instruction Register) befindet sich jeweils der aktuell
bearbeitete Befehl
- Der Befehlsdecoder entschlüsselt den Befehl und erzeugt die zur Ausführung
notwendigen Hardware-Steuersignale
- Im Speicheradressregister (MAR, Memory Adress Register) steht
die Adresse des nächsten auszuführenden Befehls oder die
Adresse eines Datenwortes, falls zur Ausführung eines Befehls ein
Datenwort vom Speicher geholt bzw. in den Speicher gebracht werden muss.
- Der Befehlszähler (PC, Program Counter) enthält die Adresse des nächsten
auszuführenden Befehls.
Der Speicher eines von-Neumann-Rechners besteht aus einer Vielzahl von Speicherworten, die
wahlfrei adressiert werden können.
Innerhalb eines von-Neumann-Rechners erfolgt der Datentransport auf internen Datenwegen,
den Bussen:
- Der Datenbus wird normalerweise parallel übertragen, d. h. bei einem 32-Bit-System
besteht der Datenbus aus 32-Leitungen. Er transportiert Speicher- oder E/A-Daten von und zur
CPU.
- Der Adressbus besteht aus den Adressleitungen, deren Anzahl vom Adressbereich der CPU abhängt.
- Der Steuerbus koordiniert den Zugriff auf die Komponenten und enthält u. a.
Leitungen für die Interrupt-Steuerung, Buszugriffssteuerung, der Taktung, Reset- und Statusleitungen.
1.2 Begriffe
Mikrocomputer:
- Datenverarbeitungssystem mit einem Mikroprozessor als CPU
- Extrem räumlich verkleinertes DVS (PC, Laptop, Steuerechner, etc.)
- Leistungsfähigkeit eingeschränkt gegenüber Mini- und Groß-DVS
- Verwendung häufig als Steuerungsrechner
Mikroprozessor:
- Auf einem Chip integrierte Steuer- und Verarbeitungseinheit, die als CPU im
Mikrocomputer verwendet wird (Steuer- und Leitwerk)
- Mikroprozessor alleine ist nicht einsatzfähig - erst der Mikrocomputer
- Mikrocomputer = Mikroprozessor + Speicher + E/A-Bausteine [+ Peripherie]
Mikrocontroller:
- Mikrocomputer, die auf einem Chip integriert sind
Single-Chip-Mikrocomputer
- begrenzter Arbeitsspeicher (meist weniger als 1 MByte)
- kein Massenspeicher (Festplatte,...)
- längere Zykluszeiten (PC: bis GHz, MC: wenige MHz)
- Möglichkeit der Signalverarbeitung (z. B.: integrierte serielle Schnittstelle,
Analog-/Digital-Wandler, Zeitgeber, Impulszähler)
Havard-Architektur
- Daten- und Programmspeicher sind getrennt.
- Daten und Befehle lassen sich zeitgleich aus dem Speicher holen.
- Es ist ein recht hoher Hardwaraaufwand erforderlich.
1.3 Entwicklung
Mikroprozessor und Mikrocomputer sind Ergebnis der Entwicklungen im Bereich der
Halbleitertechnik
Mikroelekronik, ständige Erhöhung der
Integrationsdichte.
- SSI (small scale integration): einige Gatter
- MSI (medium scale integration): Zähler, Register, ALU
- LSI (large scale integration): Mikroprozessor, Speicher
- VLSI (very large scale integr.): komplexere Mikroprozessor, Speicher
- ULSI (ultra large scale integr.): Speicher hoher Kapazität
Die zunehmende Integrationsdichte führte zu immer stärkerer Spezialisierung
der Funktion und zur Einschränkung der Einsatzmöglichkeiten
kundenspezifische
LSI-Schaltkreise. Auswege:
- standardisierte Bausteine
- programmgesteuerte Bausteine (Mikroprozessor, Mikrocomputer)
Der erste Mikroprozessor wurde 1970/71 von Intel als Steuerbaustein für ein
Bildschirmterminal entwickelt. Da er für den vorgesehenen Zweck zu langsam war,
wurde er als universeller Steuerbaustein vermarktet (4004, 8008). Durch Zufall kam
dieses Produkt zur richtigen Zeit als Alternative zu kundenspezifischen Bausteinen
auf den Markt. Folge: sensationell zunehmende Entwicklung des Mikrocomputer-Einsatzes.
Die Entwicklung erfolgte in zwei Richtungen:
- Ersatz festverdrahteter Logikschaltungen
Verwendung des Mikrocomputer als spezieller Steuerungsrechner
- Entwicklung kleiner und billiger Universalrechner
Personal Computer
Mikrocomputer als Ersatz festverdrahteter Logik
Einsatz für komplexe Steuerungsaufgaben in sich ständig ausweitenden
Anwendungsgebieten. Die weitaus größere Zahl von Mikroprozessoren wird hier
eingesetzt. Das Programm für eine bestimmte Aufgabe wird im ROM abgelegt.
Ein kleiner RAM-Bereich speichert die Variablen, z. B.:
- Single-Chip-Mikrocomputer mit RAM und ROM auf dem Chip
- Mikroprozessor + ROM + E/A-Baustein mit integr. RAM
Einsatzbeispiele:
- Meßtechnik:
komfortable und leistungsfähige Meßgeräte (Bereichswahl, Berechnung,
Eichkurven, graph. Darstellung, ...)
- Steuerung:
NC-Maschinen, Prozeßsteuerung, Roboter, SPS, automat.Testsysteme, KFZ-Technik
- Nachrichtentechnik:
Fernsprechtechnik + Vermittlungstechnik (Nebenstellenanlagen, ISDN, Mobiltelefon,
...), Telefax, Sender + Empfänger, Radar, Spracherkennung, ...
- Bürotechnik:
Kopierer (heute schon voll digital), Registrierkassen, Schreibautomaten, Anrufbeantworter,
...
- KFZ-Elektronik:
Motorsteuerung, ABS, Bord-Computer, Verkehrsleitsysteme, Diagnose-Computer,
...
letzte Entwicklungen: autonomes, "sehendes" Fahrzeug
- Haushaltelektronik:
Waschmaschine, Nähmaschine, Heizungssteuerung, Alarmanlagen, ...
- Unterhaltungselektronik:
Radio- und Fernsehgeräte, HIFI-Geräte, Videorecorder, Satelliten-Empfänger,
...
- Datenverarbeitung:
Intelligente Peripherie (Terminals, Drucker, Plotter, Scanner, ...)
Mikrocomputer als Universalrechner
Ursprünglich als Entwicklungssysteme für den o.g. Anwendungsbereich konzipiert
erfolgte eine Weiterentwicklung zu Arbeitsplatzrechnern (PC, Homecomputer).
- Durch Vernetzung dezentrale DV
- Vorstoß in den Bereich der Minicomputer
Die 16-, 32- und 64-Bit-Mikroprozessor zielen in diese Richtung.
Kennzeichen:
- Verwendung höherer Programmiersprachen
- komplexe und leistungsfähige Betriebssysteme
- Funktionsmerkmale von Großrechnern (virtuelle Speicherung, Cache)
Copyright © FH München, FB 04, Prof. Jürgen Plate
Letzte Aktualisierung: 16. Apr 2008